Artheater


Kölner Stadtrevue, 02/2003

"Wir sind der Prototyp des neuen freien Theaters!"

Unter dem Namen ARTheater wurde das Gebäude, das früher mal einer Feinkosthandlung als Lager diente, bereits vor 1998 als Spielstätte genutzt, und zwar vom damaligen Urania Theater. Für die heutigen Chefs des Hauses, Stefan Bohne und Bernd Rehse (dritter im Bunde ist Bernhard Bötel von der Theaterakademie Köln), steht der Name ARTheater für eine Kombination aus verschiedenen Kunstformen und Theater - und damit auch für das inhaltliche Konzept. Davor hatten sie - nach Schauspiel-
ausbildungen in Wien und Petersburg - jahrelang an verschiedenen großen und kleinen Häusern gespielt.

Neben dem Theaterspielplan aus zahlreichen Gastspielen und einer Eigenproduktion pro Jahr gehören Konzertveranstaltungen genauso zum Programm und Konzept wie Ausstellungen und Clubevents. Veranstaltungsreihen wie das „Jazz-o-Rama", für die das Basement des Theaters jeden Dienstag in einen Jazzclub verwandelt wird, oder die bei Eingeschworenen bereits dem Kultstatus nahe „Mitternachts-Horrorlesung", bilden einen Teil des Erfolgrezeptes des Hauses:
Sie ziehen ein junges Publikum an. Das wird zwar von vielen anderen theatern auch gewünscht, aber nur von wenigen erreicht. Der Anteil der unter 25-jährigen ist dadurch auch bei den reinen Theatervorstellungen sehr hoch. So manches Stadttheater gibt wesentlich mehr Geld aus, um die begehrte junge Zielgruppe, das potenzielle Stammpublikum von morgen, ins Haus zu holen - meist mit weniger Erfolg. Dass das ARTheater den Nerv dieser Leute trifft, liegt nicht zuletzt an ihren Eigenproduktionen. Es sind abseitige Geschichten mit merkwürdigem Personal, von Regisseur Andreas Robertz stets mit leichtem Hang zum Trash inszeniert: Der paranoide Stan in Anthony Neilsons „Der Penetrator" oder jene „Dead Mother" in David Greenspans schwarzer Komödie, die Stefan Bohne so eindrucksvoll verkörpert, und die auch nach ihrem Tod noch Familienentscheidungen trifft. Diese Aufführungen kommen aber nicht nur beim „ARTheaterpublikum gut an - wie unterschiedliche positive Kritiken oder die Nominierung zum Kölner Theaterpreis 2001 zeigen. Kritsiche Stimmen, die im ARTheater bisher nichts weiter als eine Partybude mit Schauspielambitionen sahen, wird dadurch mehr und mehr der Wind aus den Segeln genommen. Die Macher sehen sich als Pioniere. Bernd Rehse: „Das ARTheater ist ein Prototyp des neuen freien Theaters". Das Haus erhält vergleichsweise wenig Förderung von der Stadt (derzeit 10.000 € pro Jahr gegenüber dem Theater am Sachsenring mit 60.000 €). Ohne die Einnahmen aus Parties, Konzerten und nicht zuletzt der Gastronomie, würde das Geld nicht reichen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten.
Bernd Rehse bleibt locker: „ Wenn die öffentliche Förderung für Kölns freie Theater wegfallen würde, wären wir eines der wenigen Häuser mit einer Überlebenschance". Der Betrieb funktioniert nur mit zahlreichen, oft ehrenamtlichen Helfern und großem persönlichen Einsatz aller Beteiligten, zu denen im ARTheater noch ein Auszubildender für Veranstaltungstechnik hinzukommt. Die Grenzen des Machbaren sind eng. Das große rote Blumenherz aus „Dead Mother" wurde von einem Freund zur Verfügung gestellt, der es früher mal geschenkt bekommen hatte. „Das Wichtigste ist Kraft im Output", meint Bernd Rehse, der mit dem Kollegen Bohne regelmäßig auch selbst auf der Bühne steht. Die Qualität des Ergebnisses ist das, was zählt: Nach diesem Kriterium werden auch die Gastspiele ausgewählt. Das ARTheater bietet dabei Raum für Experimente und Bewährtes. Rehse und Bohne sind sich sicher, dass es in Köln noch mehr Leute mit mutigen Theatervorstellungen gibt: „Die sollen nur kommen. Wir haben noch Platz für gute Ideen".

Kölner-Stadt-Anzeiger, 01/2004

EMOTIONALES RECYCLING - Das ARTheater feiert vier Jahre Theater, Techno, Horror

Am Ende des Stückes starren die beiden Männer mit manischen Blicken ins Publikum, die Messer gezückt,
aus den Boxen pumpen die Bässe, die Publikumstribüne erzittert, eine hochschwangere Zuschauerin flüchtet
aus Angst vor einer Sturzgeburt aus dem Theater. Das Stück hieß „Die geheimen Obszönitäten des Alltags", die beiden Schauspieler Bernd Rehse und Stefan Bohne, und gerappelt hat's im ARTheater.
Nicht nur für schwangere Theaterfreunde, auch für Bohne und Rehse. Denn eh sie sich versahen, waren die beiden Schauspieler - die sich gerade erst bei den „Obszönitäten" kennen gelernt hatten - als künstlerische Leiter des kleinen Theaters am Ehrenfeldgürtel 127 verpflichtet. Kurze Zeit später hatten sie das Haus übernommen. „Das ergab sich einfach so", wundert sich Bohne noch heute. „Es ist immer noch so, dass wir mit dem Lappen in der einen Hand, mit dem Textbuch auf dem Kopf und 'ner Kiste vor den Füßen mit Anwälten reden müssen", sagt Stefan. „Das hier ist immer noch kein Unternehmen, sondern eine Spielwiese", betont Rehse. Und was für eine. Wer hätte sich schon vor fünf Jahren träumen lassen, dass aus dem ehemaligen Lager einer Feinkosthandlung einmal eines der frischesten, radikalsten Theater Kölns werden würde? Der Sitz der legendären „Horrorlesung" - unvergessen das „Advents Special American Psycho"? Noch dazu ein Techno-Hotspot, in dem schon der gottgleich verehrte Detroit-DJ Jeff Mills seine Hände an die Turntables legte? Längst haben sich auch Funk-Parties im ARTheater etabliert. Jeden Dienstag wird der Technokeller zum Jazz-Club ummöbliert. Dekos, Performances und Partyreihen werden oft aus Zufällen geboren. Natürlich zehrt die Nachtarbeit auch an den Nerven der Betreiber. „Ich würde gerne mal etwas über die Mutationen der Nacht machen", meint Rehse. „Der lächende Mensch, der abends reinkommt, sich einen schönen Abend machen will und der dann morgens dasitzt, mit leicht verzerrtem Gesicht und nicht mehr weiß, wie er heißt.